Techno-Die Bewegung

Techno
Musik ohne Message, Funktionsmusik, gesichtslos – ohne wiedererkennbare Stars will Techno ursprünglich sein, die Songstruktur überwinden, nur im Mix alle Kraft entfalten. Eine Vision die sich schnell überholt. Die Industrie springt auf das Underground Boot und übernimmt die Brücke im Handstreich. Zunächst ein U-Boot, das als erster Techno Track in den Charts auftaucht. Alex Christensen alias U96 – "Das Boot" und gibt es den Startschuss für die gnadenlose Kommerzialisierung der neuen Tanzmusik. Tim Renner, damals Abteilungsleiter progressiver Musik beim Plattenmulti Polydor: "Das Boot hat die Tür aufgestoßen. Stars zum Anfassen, Gesichter. Nicht nur das Instrument zählt, sondern die Idee, das Gefühl, die Wirkung, Turntables, Mixer und Headphones."

Mayday- Totalvermarktung. Früher fand die Mayday zweimal im Jahr statt, der Wallfahrtsort für die Raver. Ecstasy – Es scheint zu Techno gehören wie das Bier zu den Bayern. Techno in Reinform hat als trendsetzende Musikform den kommerziellen Höhepunkt überschritten, lebt jedoch in etlichen Undergroundclubs nach wie vor ein munteres und kreatives Leben weiter. In den Charts treibt dagegen der "Kinder- Techno" immer absurdere Blüten. Blümchen, E-Rotic, Scooter, Paffendorf.

Spaß – das wird nach dem letzten Kerzenflackern der Friedensbewegung zu dem zentralen politschen Ziel der Jugend. Erst jetzt beginnen die neunziger Jahre wirklich, die Dekade von Individualismus, Rezession und Jugendwahn. Der alte Underground hat als Brutstätte des Kreativen ausgedient. Am 02.07.1989 „zockeln“ erstmals 150 muntere Tänzer hinter einem von Matthias Roeingh gemieteten VW-Bus her, mit seiner vollaufgedrehten Stereoanlange übder den Berliner Wittenberg Platz kutschiert. Die Love Parade ist erfunden. Der inzwischen 40jährige „Ex-Punk“ tauft sich kurz darauf in Dr .Motte um.
Das Motto der ersten Loveparade 1989- Friede, Freude, Eierkuchen. 'Friede' steht für Abrüstung auf der Erde; 'Freude' steht für Musik als Mittel der Verständigung und 'Eierkuchen' steht für gerechte Nahrungsmittelverteilung.
Acht Jahre später, also 1997 ist die Loveparade zu einem Massenspektakel geworden. Let the Sunshine in your Heart mit 39 Techno Trucks im kollektiven Rausch, verschafften den örtlichen Dienstleistungsgewerken satte 150 Millionen Mehreinnahmen. Das bringt die miesepetrigen Alt-68`er auf den Plan und nach und nach wird die Loveparade immer mehr kommerzialisiert und im Jahr 2003 wird der Loveparade der Demonstrationstitel aberkannt. Warum? Weiß wohl keiner mehr so genau, denn immerhin hatte die Stadt durch die Parade 10 Millionen Mehreinnahmen.

Marusha war zu dieser Zeit schon eine sehr gefragte Djane, sie ist eine ehemailige Schuhverkäuferin, war mit 21 im Urlaub in Griechenland. Verknallte sich in jemanden aus England und kam so zu Ihren ersten Berührung mit Techno im Warehouse Club, Acid House Musik, das war Ende der 80er.

Faszination: Diese Musik lebt vom Austausch, sie lebt von der Liebe zur elektronischen Musik, sie lebt von Liebe zu anderen Kulturen und sie lebt auch von der Selbstdarstellung etwas Revolutionäres zu tun, auch optisch individuell zu sein. Tut sie das noch immer? Lebt sie nicht nur noch von der Selbstdarstellung? Eine Aussage von Marusha: Techno ist bis heute (das war ca. 2000) cool. Alles andere ist wie eine Welle, die ausläuft. Aber wo laufen wir hin, frage ich euch? Da setzten sich welche drauf, die nicht aus der Szene sind, um Geld zu machen. Es gibt ja viel Musik, die sich wie Techno anhört. Die Kunst besteht darin, sich zu orientieren. Da, wo Du Dich fühlst, ist Dein Techno.

Wo Marusha Recht hat, hat sie Recht. Aber reicht es nicht irgendwann mit der Ausschlachtung dieser Musik? Wo ist die Liebe zu dieser Musik? Wo ist die Wahrheit?

So viele Leute, die sich in Ruhe lassen. Ja, angeblich vereint Techno sie alle!!Punk hat das nicht geschafft. Wie Zum Beispiel die Loveparade. Ein Wochenende voller Anarchie. Tausende Partypeople feiern, tanzen und das nur weil es Techno gibt? Wieviele Leute können ohne Drogen gar nicht feiern? Und wieviel Leute finden dieses Spektakel einfach nur lächerlich? Wie viele Leute interessieren sich tatsächlich nur für die Musik?

William Röttger von Low Spirit: Bevor Techno zum Massenbewegungsmittel wird, lebt der neue Underground vom Mythos des Illegalen.

Wieso illegal frage ich euch? Underground ist eben nicht für jeden zugänglich, soll es aber auch gar nicht sein. Es reicht die Musik einfach nur zu genießen, mit Leuten die ebenso empfinden.

Techno wird in kürzester Zeit zur einer eigenen Welt, die Party zum Mittelpunkt des Seins. Natürlich ist Techno gestützt von der schwulen Subkultur der House Szene. Was viele noch nicht einmal wissen.

Techno schafft, was keine andere Musik vorher erreicht hat: die vollendete Simulation eines WIR Gefühls, die vollständige Abgrenzung des Ichs in der Masse- alle zappeln, doch jeder tanzt für sich allein. Ja ein Wir Gefühl, das habe ich auf der einen oder anderen Party auch ab und zu mal, aber sonst. Wo sind denn WIR?

Pioniere?

Das Frankfurter Produzentenduo Münzing und Anzilotti. Sie landeten mit Snap den ersten globalen Dance Hit. Zunächst mit Minimal Equipment. Sequenzer, Drum Maschine und Synthies sind günstig zu bekommen. Die ersten DJ Platten entstehen für nicht mal 10 000 DM. Der DJ, der die Beats predigte. Praise the Lord with 150 BPM. Ebenso wird der Neuen Deutschen Welle (Ende der Achtziger Jahre) nachgesagt, sie hätte mit zur Techno Bewegung geführt. Oder auch Jeff Mills in Detroit oder oder oder.



Wenn Du lange genug tanzt, dann bist Du nicht mehr auf dem Boden. Du bist dann ein bißchen weg oder in Trance oder schwebst so ein bißchen über den Dingen. Ich glaube schon daß, das Techno eine Art Religionsersatz ist. Denn der Spruch der Ravekultur ist doch „Love, Peace und Unity“. Eine Art Suche nach Gemeinschaftsgefühl. Ich frage mich ob dieses Motto einfach die Sehnsucht der Leute auffangen soll nach Gemeinschaftsgefühl? Wir sind eine große Familie und haben uns alle lieb, das heißt es immer. Das stimmt, alle tanzen alleine, miteinander und fühlen sich aufgehoben aber halt nur in diesem Moment. Das ist der entscheidene Punkt. Es geht nicht weiter. Die Unity spielt sich nur auf der Party ab. Aber es müßte doch über die reine Party hinausgehen oder nicht? Na jedenfalls ist Techno an sich schon ein spirituelles Element.

Techno überwältigt dennoch mit heftigen Grüben und Schnitten , mit Klangorgien aus dem Fairlight-Computer und mit flatterernden Keyboards (Rave Nation), die durch exakte Synthetik in Marsch gesetzt werden.

"Auf Dauer sind zwei Plattenspieler und ein Mischpult aufregender als fünf Gitarrenseiten", meinte Neil Tennant von den Pet Shop Boys.

Techno bleibt das radikalste Phänomen der Neunziger, nach wie vor geht es um Lebensgefühl, um eine imaginäre Heimat und um Entgrenzung, das hat sich seit dem Rock'n Roll nicht geändert. Körperbeschallung, Austanzen bis nichts mehr geht und der Morgen graut. Am liebsten versammelt sich die Gemeinde in schalldichten Kellern, in eigens von der Kultur - und Polizeibehörde - präparierten Tunneln oder in Massenflimmern der Love Parade in Berlin. Auflösung, Gefühl und Verschmelzungsphantasien.

Techno als Pop des Maschinenzeitalters hat sich mittlerweile bis in die oberen Etagen des Kulturbetriebes hochgearbeitet.

Industrielle Rhythmen symbolisieren nicht mehr den Tanzschweiß der Kids sondern vertonen – zumindest im Kopf der Künstler - die avantgardistische Kälte der Industiegesellschaft und bilden die ideale Begleitmusik für Videoinstallationen und andere mediale Extravaganzen. Es ist ein konsequentes Gegensteuern gegen die Machtverhältnisse. Techno ist immer noch eine sehr große Intuition, auf den hin und wieder welche aufsteigen aber dennoch kehrt Techno langsam zurück zu den Wurzeln und macht der neuen Jugendbewegung Platz. Wo wir dann wieder bei den Anfängen des Techno wären, denn die waren in den frühen 80ern in einer Stadt namens Detroit. Dort entstand Techno, einer reinen Industrie Stadt und nachdem alle Firmen ihre Sitze verlegt haben, war dort nicht mehr viel los.


By Melanie Wehrkamp